Nach längerer Pause gibt es nun endlich einen weiteren Teil unserer Serie über Bottroper Unternehmen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5).
Dieses Mal geht es weiter mit Martin Glanz, dem neuen Betreiber des Overbeckshof.

Willy: Erzähl doch vielleicht zu Anfang direkt mal, wie es dazu gekommen ist, dass du den Overbeckshof übernommen hast.
Martin: Nachdem ich längerer Zeit aus Bottrop weg war, hatte ich schon seit einiger Zeit vor, wieder ins Ruhrgebiet zurückzukehren. Als dann für den Overbeckshof ein neuer Betreiber gesucht wurde, war das wie ein Wink des Schicksals.
Der Hof gehört der Stadt Bottrop wurde aber per Erbpacht für 99 Jahre an ein Architekturbüro verpacht. Die haben nun wiederum einen Pächter gesucht, der den Betrieb für die nächsten 10 Jahre übernimmt, nachdem der vorherige Betreiber im Mai 2008 nach nur 2 Jahren in einer Nacht und Nebel Aktion verschwunden war.
Ich habe mich dann mit einem umfangreichen Konzept inklusive Bankfinanzierung beworben und mich damit gegen 15 Mitbewerber durchsetzen können. Am 04.04.2009 haben wir dann neu eröffnet.
Willy: Du bist ja in deinem Berufsleben schon ganz schön rum gekommen. Kannst du dazu ein bisschen was erzählen?
Martin: Ich habe den Kochberuf bei Johann Lafer erlernt. Danach war ich für 1 Jahr in Dubai im Burj Al Arab. Das war eine interessante, aber auch sehr harte Zeit. Wir hatten dort einen 18-Stunden Tag und waren in einer 10 km entfernten Gemeinschaftsunterkunft untergebracht.
Als nächstes war ich dann als Privatkoch in San Francisco tätig. Das war eine tolle Zeit, ich habe dort 1 bis 2 Mal die Woche für reiche Amerikaner gekocht.
Dann war ich noch 2 Jahre auf einem Weingut in Luxemburg gearbeitet und zuletzt 2 Jahre lang Kochkurse für WMF abgehalten.

Willy: Wie würdest du denn das Konzept des neuen Overbeckshofs beschreiben?
Martin: Ich würde es als klassische und neue Ruhrgebietsküche bezeichnen. Also klassische Gerichte, die man mit dem Ruhrgebiet verbindet, wie z.B. gebratene Blutwurst. Neue Ruhrgebietsküche meint z.B. arabische und mediterrane Einflüsse. Der Ruhrpott ist ein echter melting pot aus vielen Kulturen, die natürlich auch kulinarisch Eindruck hinterlassen haben.
Und das Konzept scheint anzukommen. Der Overbeckshof steht mittlerweile sogar im Feinschmecker, worauf ich schon recht stolz bin.
Wir bieten dabei verschiedene Räumlichkeiten und Varianten an, die je nach Anlass das Passende bieten sollen: Die Stuben, das Café Luise, das übrigens nach meiner Großmutter benannt ist, den Spiegelsaal und den Zauberling.
Der Gedanke dabei ist, dass es verschiedene Anlässe gibt, in ein Restaurant zu gehen. Wenn ich mit den Kumpels vom Fußball komme, möchte ich einen Humpen Bier trinken und etwas Deftiges zu essen. Bei einem Abendessen zu zweit möchte ich vielleicht lieber einen Wein trinken und ein aufwendigeres Menü haben. Wir versuchen, solch verschiedene Anlässe durch unser Konzept abzudecken.
Das hat anfangs ein wenig böses Blut gegeben, weil mir vorgeworfen wurde, ich versuche eine Art ‘Klassengesellschaft’ am Overbeckshof zu etablieren. Das ist aber nunmal gar nicht meine Absicht, weswegen wir unter anderem auch die preislichen Niveaus der Räumlichkeiten mit der Zeit etwas angeglichen haben.

Willy: Was würdest du sagen, waren die größten Probleme seit der Neueröffnung?
Martin: Wir haben ja einen ziemlichen Kaltstart hingelegt, wir sind mit 2000 qm und 16 Angestellten von 0 auf 100 gestartet.
Die ersten 3 Monate waren richtig schwer, anfangs mussten wir teilweise 20 Stunden am Tag arbeiten, weswegen z.B. einige Mitarbeiter direkt am 2. Tag nicht mehr erschienen sind. Kurz vor der Eröffnung standen deswegen mein Sous-Chef und ich zusammen mit unseren Müttern allein in der Küche, das war schon sehr stressig.
Mittlerweile haben wir uns bei 11 Mitarbeitern eingependelt, im Laufe des Jahres musste ich aber leider auch 19 Leuten kündigen.
Anfangs habe ich manchmal gedacht, der Overbeckshof erlebt den 1. Geburtstag nicht, das war schon eine ziemlich harte Zeit. Ich würde sagen, dass ich einige Fehler gemacht, aber daraus auch gelernt habe.
Die Gastronomie befindet sich seit 7 Jahren auf dem absteigenden Ast und trotz zusätzlicher widriger Umstände wie der Finanzkrise und der Tatsache, dass Banken eigentlich keine Gastronomie finanzieren, befinden wir uns mittlerweile auf einem sehr guten Weg.
Der Overbeckshof hat einen klaren Wiedererkennungswert und ist nicht einfach austauschbar. Wir legen hier sehr viel Wert auf Qualität, weil ich glaube, dass langfristig nur Qualität überlebt, auch wenn man es damit anfangs vielleicht schwerer hat.
Ich würde es nachträglich auch als Glück bezeichnen, in der Krise angefangen zu haben. In der Krise trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer sich während einer Wirtschaftskrise etabliert, ist für die Zeit danach gut aufgestellt. Und dass wir uns trotz Krise durchsetzen konnten, zeigt dass wir mit unserer Idee richtig gelegen und gute Arbeit geleistet haben.

Willy: Du bist ja schon ganz schön in der Welt unterwegs gewesen. Gibt es irgendwelche Dinge, die deiner Meinung nach besonders typisch für Bottrop sind? Gibt es für dich als Unternehmer hier besondere Vor- und Nachteile?
Martin: Ich bin ja mit 20 aus Bottrop weg gegangen und deswegen nicht wirklich mit dem Bottroper Wirtschaftsleben aufgewachsen.
Am Ruhrpott gefällt mir, dass die Menschen geradlinig sind, hier gilt ‘Ein Mann ein Wort’, das aber auch im Negativen. Man hat hier schon ein bisschen mit Sturheit nach dem Motto ‘Was der Bauer nicht kennt …’ zu kämpfen.

Willy: Was würdest du dir denn für die Zukunft in Bottrop bzw. im Ruhrpott und für dein Restaurant wünschen?
Martin: Für das Ruhrgebiet würde ich mir wünschen, dass dieses Kirchturmdenken endlich aufhört, es als kein Bottrop vs. Essen oder gar Fuhlenbrock vs. Batenbrock mehr gibt. Der Ruhrpott ist kulturell eine Suppe, trotzdem gibt es z.B. bei Großveranstaltungen wie der geplatzten Love Parade in Bochum immer Geschacher und Verantwortung wird von einem zum anderen geschoben.
Für den Overbeckshof würde ich mir wünschen, dass er nicht mehr als reines Ausflugsrestaurant gesehen wird. Der Overbeckshof ist ein Bottroper Urgestein und als Ausflugslokal bzw. Ort für Familienfeiern und ähnliches bekannt, wir haben aber mittlerweile ein viel breiter gefächertes Angebot.
Generell würde ich mir eine höhere Wertschätzung für gutes Essen wünschen. Hierzulande haben wir ein manchmal etwas eigensinniges Verhältnis zu Essen. Unsere Lebensmittel sind hoch subventioniert, weswegen wir verhältnismäßig wenig Geld für Essen aus geben.
Es wird viel Geld für sichtbare Statussymbole wie Autos aufgewandt, aber Geld für Essen auszugeben, scheint vielen irgendwie peinlich zu sein. Aber glücklicherweise ändert sich das auch schon seit einiger Zeit, auch durch die Präsenz von Kochshows im Fernsehen.
Nach längerer Pause gibt es nun endlich einen weiteren Teil unserer Serie über Bottroper Unternehmen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5). Dieses Mal geht es weiter...