Wie die WAZ gestern berichtete, gehen laut einer Pricewaterhouse-Coopers (PwC) Studie dem Ruhrgebiet die Akademiker aus, welch Überraschung!
Wer studiert hat, findet offensichtlich (oder vermeintlich) anderswo bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen vor als im Pott. Nunja, wie Frank Goosen aber schon meinte: “Woanders is auch scheiße!”.
Woran liegt es also, das es junge und gebildete Leute aus dem Ruhrpott weg oder gar nicht erst hierhin zieht? Die Studie jedenfalls macht als Ursache das schlechte Image der Ruhrgebietsstädte aus. Diese würden oftmals “deutlich unterschätzt und unterbewertet”. Stimmt. Ist aber nur ein Teil bzw. Symptom der zugrundeliegenden Wahrheit.
Wenn man einmal hinter die oberflächliche Sicht der Dinge blickt, wird schnell klar, woran das Ruhrgebiet krankt. An Problemen und Ursachen, die eigentlich offensichtlich sind, aber immer noch nur ungern wahrgenommen werden. Als da z.B. wären:
1.) Das schon sprichwörtliche Kirchturmdenken im Pott. Das Ruhrgebiet ist eben nicht mit Städten wie München, Berlin oder Hamburg vergleichbar, weil es keine Stadt ist, sondern eine wüste Ansammlung von Städten, die jede für sich genommen nicht mit echten Großstädten konkurrieren können. Das Ruhrgebiet ist eben nicht Weltstadt, wie uns auch im Rahmen von Ruhr 2010 weis gemacht werden sollen, sondern bestenfalls Provinz.
Dies ist politisch so gewollt, denn an jedem Kirchturm im Ruhrpott hängt ein Oberbürgermeisterposten samt Verwaltung. Nur noch eine Stadtverwaltung statt 15? Unvorstellbar! Nur noch ein Versorgungsbetrieb und ein Verkehrsunternehmen? Ja, wo sollen denn dann die ganzen Vorstände und Geschäftsführer hin, die es sich auf ihren Versorgungspöstchen so herrlich bequem eingerichtet haben? Das kann doch niemand wollen.
Die Folge dieses Kirchturmdenkens zeigt sich dann in Symptomen wie einer miserablen Außenwahrnehmung. Dadurch dass das Ruhrgebiet keine einheitliche Stadt ist, wird es auch von außen nicht als solche wahrgenommen. Und wenn ich mir vorstelle, dass sich ein gerade fertiger Absolvent aus z.B. Frankfurt entscheiden muss, ob er nach – sagen wir mal – Bottrop oder München zieht, dann gehe ich jede Wette ein, wie die Antwort in nahezu 100% der Fälle lauten wird.
Ein weiteres Symptom ist die miserable Verkehrssituation im Ruhrgebiet. Wer als Student 5 Jahre lang das Vergnügen hatte, jeden Morgen und Abend in überfüllten, nach Urin stinkenden S-Bahnen von West nach Ost jeweils anderthalb Stunden durchs Ruhrgebiet zu gondeln und in den seltensten Fällen pünktlich anzukommen, der wird allein schon deswegen eine Stelle in München oder Berlin mit Kusshand annehmen. Um auf Goosen zurückzukommen: Klar, auch anderswo gibt es Probleme im Nahverkehr, aber anderswo leistet man sich nicht 10 Verkehrsunternehmen, die ihren Kunden durch fehlende Abstimmung und fehlende stadtübergreifende Verbindungen zusätzlich das Leben schwer machen.
Von den Verkehrsstaus auf den Autobahnen im Ruhrgebiet, allen voran der A40 und der A59, will ich jetzt gar nicht anfangen …
2.) Ein trotz aller Lippenbekenntnisse nicht gewollter Strukturwandel. Wie in den Kommentaren zum WAZ Kommentar bereits sehr treffend bemerket wurde, wurden im Ruhrgebiet seit über 40 Jahren hunderte Milliarden Euros verbuddelt, um aussterbende Industrien der Romantik wegen am Leben zu erhalten.
Weil hiesige Politiker nie den Mut hatten, zuzugeben dass Kohle und Stahl keine langfristigen Perspektiven für das Ruhrgebiet sind, sondern sich stattdessen medienwirksam in Bergmannskluft in Szene setzten und einen auf Kumpelromantik machten, hat das Ruhrgebiet heute den Anschluss verpasst.
Damit sich Politiker jeglicher Couleur mit ordentlich Dreck im Gesicht ablichten lassen konnten, durfte im Ruhrgebiet kein echter Strukturwandel passieren.
Denn das hätte bedeutet, eben nicht mehr auf Althergebrachtes und öffentlichkeitswirksame Großprojekte, sondern konsequent auf die Ansiedlung neuer Branchen zu setzen. Dies wäre für die Bürger eine unbequeme Wahrheit gewesen, aber auf lange Sicht wären die verschwendeten Subventionsmilliarden so deutlich besser angelegt gewesen. Tja, so dürften wir immerhin die einzige Region weltweit sein, die für ein paar Fotos von schmutzigen Politikergesichtern Milliarden in ehemaligen Kohlestollen verbuddelt hat.
Is doch auch wat …
Quellen:
Wie die WAZ gestern berichtete, gehen laut einer Pricewaterhouse-Coopers (PwC) Studie dem Ruhrgebiet die Akademiker aus, welch Überraschung! Wer studiert hat, findet offensichtlich (oder vermeintlich) anderswo bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen...