Der Letzte macht das Licht aus

2. September 2010 – 00:57 von Bjoern

Wie die WAZ gestern berichtete, gehen laut einer Pricewaterhouse-Coopers (PwC) Studie dem Ruhrgebiet die Akademiker aus, welch Überraschung!

Wer studiert hat, findet offensichtlich (oder vermeintlich) anderswo bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen vor als im Pott. Nunja, wie Frank Goosen aber schon meinte: “Woanders is auch scheiße!”.

Woran liegt es also, das es junge und gebildete Leute aus dem Ruhrpott weg oder gar nicht erst hierhin zieht? Die Studie jedenfalls macht als Ursache das schlechte Image der Ruhrgebietsstädte aus. Diese würden oftmals “deutlich unterschätzt und unterbewertet”. Stimmt. Ist aber nur ein Teil bzw. Symptom der zugrundeliegenden Wahrheit.

Wenn man einmal hinter die oberflächliche Sicht der Dinge blickt, wird schnell klar, woran das Ruhrgebiet krankt. An Problemen und Ursachen, die eigentlich offensichtlich sind, aber immer noch nur ungern wahrgenommen werden. Als da z.B. wären:

1.) Das schon sprichwörtliche Kirchturmdenken im Pott. Das Ruhrgebiet ist eben nicht mit Städten wie München, Berlin oder Hamburg vergleichbar, weil es keine Stadt ist, sondern eine wüste Ansammlung von Städten, die jede für sich genommen nicht mit echten Großstädten konkurrieren können. Das Ruhrgebiet ist eben nicht Weltstadt, wie uns auch im Rahmen von Ruhr 2010 weis gemacht werden sollen, sondern bestenfalls Provinz.

Dies ist politisch so gewollt, denn an jedem Kirchturm im Ruhrpott hängt ein Oberbürgermeisterposten samt Verwaltung. Nur noch eine Stadtverwaltung statt 15? Unvorstellbar! Nur noch ein Versorgungsbetrieb und ein Verkehrsunternehmen? Ja, wo sollen denn dann die ganzen Vorstände und Geschäftsführer hin, die es sich auf ihren Versorgungspöstchen so herrlich bequem eingerichtet haben? Das kann doch niemand wollen.

Die Folge dieses Kirchturmdenkens zeigt sich dann in Symptomen wie einer miserablen Außenwahrnehmung. Dadurch dass das Ruhrgebiet keine einheitliche Stadt ist, wird es auch von außen nicht als solche wahrgenommen. Und wenn ich mir vorstelle, dass sich ein gerade fertiger Absolvent aus z.B. Frankfurt entscheiden muss, ob er nach – sagen wir mal – Bottrop oder München zieht, dann gehe ich jede Wette ein, wie die Antwort in nahezu 100% der Fälle lauten wird.

Ein weiteres Symptom ist die miserable Verkehrssituation im Ruhrgebiet. Wer als Student 5 Jahre lang das Vergnügen hatte, jeden Morgen und Abend in überfüllten, nach Urin stinkenden S-Bahnen von West nach Ost jeweils anderthalb Stunden durchs Ruhrgebiet zu gondeln und in den seltensten Fällen pünktlich anzukommen, der wird allein schon deswegen eine Stelle in München oder Berlin mit Kusshand annehmen. Um auf Goosen zurückzukommen: Klar, auch anderswo gibt es Probleme im Nahverkehr, aber anderswo leistet man sich nicht 10 Verkehrsunternehmen, die ihren Kunden durch fehlende Abstimmung und fehlende stadtübergreifende Verbindungen zusätzlich das Leben schwer machen.

Von den Verkehrsstaus auf den Autobahnen im Ruhrgebiet, allen voran der A40 und der A59, will ich jetzt gar nicht anfangen …

2.) Ein trotz aller Lippenbekenntnisse nicht gewollter Strukturwandel. Wie in den Kommentaren zum WAZ Kommentar bereits sehr treffend bemerket wurde, wurden im Ruhrgebiet seit über 40 Jahren hunderte Milliarden Euros verbuddelt, um aussterbende Industrien der Romantik wegen am Leben zu erhalten.

Weil hiesige Politiker nie den Mut hatten, zuzugeben dass Kohle und Stahl keine langfristigen Perspektiven für das Ruhrgebiet sind, sondern sich stattdessen medienwirksam in Bergmannskluft in Szene setzten und einen auf Kumpelromantik machten, hat das Ruhrgebiet heute den Anschluss verpasst.

Damit sich Politiker jeglicher Couleur mit ordentlich Dreck im Gesicht ablichten lassen konnten, durfte im Ruhrgebiet kein echter Strukturwandel passieren.

Denn das hätte bedeutet, eben nicht mehr auf Althergebrachtes und öffentlichkeitswirksame Großprojekte, sondern konsequent auf die Ansiedlung neuer Branchen zu setzen. Dies wäre für die Bürger eine unbequeme Wahrheit gewesen, aber auf lange Sicht wären die verschwendeten Subventionsmilliarden so deutlich besser angelegt gewesen. Tja, so dürften wir immerhin die einzige Region weltweit sein, die für ein paar Fotos von schmutzigen Politikergesichtern Milliarden in ehemaligen Kohlestollen verbuddelt hat.

Is doch auch wat …

Quellen:

  1. 8 Reaktionen auf “Der Letzte macht das Licht aus”

  2. Leider ist der Bottblog seit der Übernahme durch Willy zu einem polemischen Piraten-Propaganda-Blog mutiert.
    Wo früher Geschehnisse in Bottrop kritisch beleuchtet und hinterfragt wurden, wird heute leider nur noch die Stammtisch-Keule geschwungen und Piraten-Propaganda betrieben. In diesem Artikel geht es zwar immerhin noch ums Ruhrgebiet, dennoch wird hier polemisiert und “Fakten” werden erfunden oder verdreht. Außer dem (immer unregelmäßiger erscheinenden) Sonntagsrätsel erfährt man hier nur noch wie böse die “Datenkrake Google” und vor allem die “ganzen korrupten und ach so faulen Politiker” doch sind.

    Mit der Ursprungsidee des Bottblogs hat das leider nix mehr zu tun.

    Also: Back to the roots!
    Ansonsten: Bitte schließen!

    (Da ich auf die HDR Bilder jedoch nur ungern verzichten würde, schlage ich stattdessen die Gründung des BOT-HDR-Pix-Blog vor! Dann ham wir alles was wir brauchen, ohne den ganzen Fremd-Propaganda-Müll!)

    Von tobibus am Sep 2, 2010

  3. Toller Artikel. Jedes Wort ist leider wahr – und deshalb wird es mit dem Revier auch weiter abwärts gehen.

    Von Stefan am Sep 2, 2010

  4. @tobibus: Kritik is angekommen. Wir schauen mal, dat et in Zukunft wieder mehr Bottrop-bezogene Artikel gibt.

    Zum Artikel: Klar, is polemisch, soll es auch sein. Mit Piraten-Propaganda hat’s indes nix zu tun. Die im Artikel vertretene Meinung entspricht bestimmt nicht der Linie der Piratenpartei, weil diese bisher weder zum Thema Stadtplanung noch zum Thema Subventionen überhaupt eine Linie hat.

    Über die böse Datenkrake Google wirs’e hier nix finden. Ich find Google klasse. Vor allem Google Street View …

    Ansonsten: Wat dem einen sein Stammtisch, is’ dem anderen sein Bierzelt, oder so …

    Von Bjoern am Sep 2, 2010

  5. Recht hat der tobius! Die HDR sind echt immer wieder schön, aber die wertenen Artikel stören schon auf ner Seite die ansich parteifern sein sollte. Kann ja jeder schreiben und meinen wat er will, aber auf so ne Seite mit Parteiwerbung muss auch Parteiwerbung druffstehen.

    Der Blog lässt abgesehen davon eh nach. Inna Woche is ja nix los. News aus Bottrop wie am Anfang gibbet ja ganich mehr.

    Achja: Zu dem Artikel noch kurz: Stell dir mal vor wie Bottrop als Vorort der Ruhrstadt mit einer Verwaltung wäre? Du erreichst keine Sau, kein Beamter kennt sich lokal aus. Marketing wird voll gekürzt. In einer Ruhrstadt würde Bottrop voll sterben und eingehen. Ich finde den Ruhrstadtgedanken gut, er würde der Metropole und somit den größten Highlights helfen, aber Bottrop wäre dann entgültig keine Großstadt mehr mit eigenem Bild. Muss man eben entscheiden. Das is sehr kritisch. Hierüber fänd ich ne Debatte interessant und nicht nur plump für ne Ruhrstadt Sätze kloppne ohne an die Bottroper Probleme zu denken.
    Es heißt hier schließlich BOT und nicht RUHRblog.

    Von Kümmerling am Sep 2, 2010

  6. @Kümmerling: Parteiwerbung wir’se hier auch nicht finden. Eigene Meinung schon. Und wie gesagt: Das was konkret in diesem Artikel vertreten wird, ist bestimmt nicht die Meinung der Piratenpartei.

    > Stell dir mal vor wie Bottrop als Vorort der Ruhrstadt mit einer
    > Verwaltung wäre? Du erreichst keine Sau, kein Beamter kennt sich
    > lokal aus Stell dir mal vor wie Bottrop als Vorort der Ruhrstadt mit
    > einer Verwaltung wäre? Du erreichst keine Sau, kein Beamter kennt
    > sich lokal aus

    Dass das nicht so laufen muss, sieht man prima in anderen Städten. Friedrichshain-Kreuzberg gehört auch zum großen Moloch Berlin und hat trotzdem ein eigenes Profil und eine eigene Identität.

    Von Bjoern am Sep 2, 2010

  7. > @tobibus: Kritik is angekommen. Wir schauen
    > mal, dat et in Zukunft wieder mehr Bottrop-
    > bezogene Artikel gibt.

    @ Bjoern: Sehr schön! Es würde mich freuen, wenn uns der Bottblog in alter Qualität erhalten bleibt!!!

    > Zum Artikel: Klar, is polemisch, soll es
    > auch sein. Mit Piraten-Propaganda hat’s
    > indes nix zu tun. Die im Artikel vertretene
    > Meinung entspricht bestimmt nicht der Linie
    > der Piratenpartei, weil diese bisher weder
    > zum Thema Stadtplanung noch zum Thema
    > Subventionen überhaupt eine Linie hat.

    Das mit der Piraten-Propaganda bezog sich nicht auf diesen Artikel, sondern auf viele andere bisherigen Artikel und Autorenkommentare.

    > Über die böse Datenkrake Google wirs’e hier > nix finden. Ich find Google klasse. Vor
    > allem Google Street View …

    Vielleicht nicht speziell auf Google gemünzt, aber die ganzen “Überwachungsstaat”, “Internetzensur” etc. Artikel stören das Bottblog Gesamtbild doch erheblich.

    Zum Artikel:
    Warum “Kohle und Stahl” (zugegeben ZUSÄTZLICH ZU Neuansiedlungen und Wandlungen a la Strukturwandel) eben DOCH “langfristigen Perspektiven für das Ruhrgebiet” sind bzw. wären (wenn die Kohle nicht 2018 plattgemacht würde) kannst du

    bzgl. Stahl nachlesen im Merian Düsseldorf 1996.
    # ISBN-10: 377429609X
    # ISBN-13: 978-3774296091

    Bzgl. (Koks-)Kohle empfehle ich das Studieren der Kokspreisentwicklung der letzten Jahre. Die “paar Milliarden” Kohlesubvention sind ein Klacks gegenüber den Kosten für Rohstoffe (für Koks und damit verbunden Stahl) die in 20 Jahren auf die deutsche Wirtschaft, die deutschen Bürger und den deutschen Staat zukommen werden, falls 2018 die Zechen dicht gemacht werden!
    Der Pro-Kopf-Verbrauch an Stahl in Deuschland liegt bei fast einer halben Tonne! Für Autos, Töpfe, aber auch natürlich anteilig für Brücken (werden über Steuern letztendlich wieder vom Bürger bezahlt) etc.! Da staunt man, denn das ist ne ganze Menge! Für eine Tonne Stahl benötig man wiederum fast eine halbe Tonne Koks sowie große Mengen (Erd-)gas.
    3,5Mrd Kohlesubvention durch 80Mio. Bürger sind etwa 43,75Euro pro Nase. Deine persönliche halbe Tonne Stahl pro Jahr (ob du die nun direkt – beim Autokauf – oder indirekt – über Steuern für Brücken und Autobahnleitplanken bezahlst ist wohl egal) wird sich ohne deutsche Kohle um deutlich mehr als diese 43,75 Euro verteuern. In den letzten 10 Jahren ergaben sich Preissteigerungen auf dem Koksweltmarkt von 800%!!!
    Alles in allem sollte man also aufpassen, dass die Einsparung der Kohlesubvention und Schließung der Zechen keine Milchmädchenrechnung wird und wir diesen Schritt in 20 Jahren bitter bereuen. Weitere Verluste von zugehörigen Industrien mal völlig außen vor gelassen. Hierzu gehören: Zulieferer, Maschinenbauer, Speditionen, aber auch die Bergbautechnik (Weltmarktführer – developed, tested and made and in Germany!!)

    Ich glaube, dass bei der zu erwartenden weiteren Kokspreisentwicklung die deutsche Kohle kurz NACH 2018 rentabel wird (dumm gelaufen…) und Subventionen so schrittweise abgebaut werden könnten! So bliebe zumindest eine gewisse Ressourcenunabhängig gewährleistet.

    Weiter Details gerne beim Bierchen, denn nu sind die Finger wund ;-)

    Von tobibus am Sep 3, 2010

  8. HOLLA; WELCH REAKTIONISMUS….

    Von stahlbaron am Sep 3, 2010

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  2. Sep 2, 2010: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

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