Only for the weak – Mein Besuch in der Bezirksvertretung-Mitte


“”I can’t tolerate your sadness,
’cause it’s me you’re drowning.
I won’t allow any happiness,
’cause everytime that you laugh, I feel so guilty …”

Meine Gedanken vorher: Armageddon hat bereits die Emscher überschritten. Innovation City ist leer, menschenleer … die letzten Überlebenden vergammeln in Raum 111 des Bottroper Rathauses; dort scharren Bezirksvertreter-Mitte mitte Hufen, um über Flächennutzungspläne, Parkplätze, die nur bis 22 Uhr belegt sein dürfen, und Straßennamen zu entscheiden.

Ich hatte vor einem knappen Jahr, genauer am 14. Juli 2011, eine E-Mail an den Vorsitzenden der “Bezirksvertretung-Mitte” geschickt [zu lesen hier KLICK] und gefragt – ich unterstreiche: gefragt und nicht beantragt –, ob es in der Stadt Bottrop – ähnlich wie in der Stadt Münster – Bestrebungen gebe, eine “Kommission Straßennamen” einzurichten, die sich mit “absoluter Transparenz” kritisch mit den Bottroper Straßennamen auseinandersetzt, und “wie die Bezirksvertretung-Mitte zu den Ergebnissen der Kommission in Münster Betreff der beiden umstrittenen Persönlichkeiten Agnes Miegel und Karl Wagenfeld” stehe.

Ich bekam vom Bezirksvorsitzenden-Mitte eine Antwort, in der sich für meine “aufmerksame Recherche” bedankte [zu lesen hier KLICK]. Kurz danach ließ er über die WAZ eine Meldung [ist leider nicht online] verbreiten, in der er sich selbst und sein mutiges Anpacken dieser problematischen Angelegenheit  lobt und sybillinisch etwas über “Bürgerliche Initiative” verlauten lässt.  – In Bottrop fährt man “Bürgerliche Initiativen” außerhalb des Sportbereiches unkompliziert und direkt aufs Abstellgleis. Die “Verwaltung” las also in meiner Frage einen Antrag, strickte sich einen – zur schnellen Erledigung geeigneten – Fragebogen für  die Anwohner und entwarf für ex und hopp eine “Beschlussvorlage” [zu lesen hier KLICK] zur heutigen Sitzung. Von einer “Kommission Straßennamen” und “absoluter Transparenz” war weder in der Antwort des Vorstehers noch irgendwann später irgendwo die Rede. Meine Schlussfolgerung aus diesen durchsichtigen taktischen Manövern: Wenn ich schon keinen Antrag gestellt hatte, wollte ich wenigstens mitbekommen, wie die Bezirksvertretung-Mitte über ihn entscheidet.

Die Bezirksvertretung-Mitte kam natürlich zu dem Ergebnis, die beiden Straßennamen nicht zu ändern. Die Nazi-Freundin Agnes Miegel bekommt ein Schildchen mit lapidarem Inhalt unter ihr Straßenschild. Die Wagenfeldstraße wird nicht mehr dem Rassisten Karl W., sondern einem nicht mit ihm verwandten und ansonsten recht unbekannten Wilhelm W. gewidmet. Als Begründung für diese Entscheidung wurden die Ergebnisse der erwähnten Bürgerbefragung herangezogen – mit Bürgerstimmen wie “Seit 1979 lebe ich nun schon in dieser Straße, und es hat noch nie jemanden dieser Name gestört.” – “So ein Blödsinn. Wer fragt sich schon, was sich hinter diesen Namen verbirgt.” [weitere Antworten sind HIER auf Seite 3 und 4 nachzulesen] Einzig die Wagenfeldschule ändert ihren Namen in Astrid-Lindgren-Schule. [nachzulesen auch mit der Begründung HIER] Eine Entscheidung, die meine Hochachtung hat.

Das Ergebnis der Beratungen zum Tagesordnungspunkt “Straßennamen” in der Bezirksvertretung-Mitte ist ein Bottroper Ergebnis. Es ist ein langweiliges Ergebnis, weil es so vorhersehbar war. Weil es in Bottrop bei solch einem und ähnlich gelagerten Themen – erwähnt sei hier nur die SS-/Gestapo-Vergangenheit des Bottroper SPD-Landtagsabgeordneten Hellwing KLICK – nur vorhersehbare Ergebnisse gibt, ist Bottrop langweilig.

Die anderthalb Stunden in Raum 111 waren – bis auf das obige Ergebnis – allerdings nicht langweilig. Ich habe viel Interessantes gesehen und gehört und einiges dazugelernt:

– Alle Mitglieder der Bezirksvertretung und die beteiligten Damen und Herren der Verwaltung erhalten – gratis [d.h. "nicht durch den Nutzer finanziert“. Dank an Freidenker für den Hinweis]– eine Flasche Mineralwasser. Nur der Vorsitzende erhält eine Flasche Mineralwasser und eine Flasche Cola ohne Abstriche.

– Der Vorsitzende kam – da ich offensichtlich der einzige Normalbürger in Raum 111 war – vor Beginn der Sitzung auf mich zu und fragte mich höflich, ob er mich als “Bürger” begrüßen dürfe, was ich bejahte. Ob ich eine Flasche Mineralwasser haben wolle, fragte er mich nicht.

– Neben den Vertretern des Bezirkes/der Verwaltung waren anwesend: ein Herr in schwarzem Hemd, der ab und an mit einem schwarzen Filzstift etwas notierte (Vertreter der Bottroper Presse?); ein älterer Herr, der ab und an grummelnd einen Kommentar abgab (möglicherweise DKP?); ein Junge im Alter von etwa 13 Jahren, der die ganze Zeit über einen Zeichenblock bemalte (???).

– Der Vertreter der DKP ist in der gesamten Truppe der Prügelknabe. Ihm wurde ganz übel mitgespielt. So bezeichnete der Vorsitzende dessen – nach meinem Verständnis recht komplexe, aber beurteilen Sie selbst, der Text steht etwas weiter unten – Darstellung der Straßennamensproblematik als “Blödsinn”. Der Vorsitzende und der DKP-Vertreter werden meiner Meinung nach in diesem Leben keine Freunde mehr.

– Obwohl: Auch der DKP-Vertreter erhielt sein Mineralwasser. Ich nicht! Und das, obwohl jeder Anwesende bemerkt haben musste: In Raum 111 ist es sehr stickig. Misshandelt man so den einzig anwesenden Normalbürger? – Der Junge mit dem Zeichenblock hatte übrigens vorgesorgt und zog eine Flasche Cola ohne Abstriche aus seinem Rucksack. Ich habe ihn beneidet.

– Am nettesten zu mir war der Bezirksvertreter der Linken. Er fragte mich vor Beginn der Sitzung, ob ich auch eine Flasche Mineralwasser haben möchte. Ich beging einen Fehler, indem ich schüchtern ablehnte.

– Die Bezirksvertreter von SPD und CDU waren mir vom Namen her nicht bekannt. Sie gehören nicht zu dem Ablichtungsfavoriten von Stadtspiegel und WAZ, so dass ich auch ihre Gesichter nicht zuordnen konnte. Die Namen der Vertreter von FDP und ÖDP kenne ich aus dem bottblog. Da sie auf den Parteiseiten abgelichtet sind, habe ich sie wiedererkannt.

– Der Vorsitzende makierte einen auf knallharter Typ Marke Hausmeister Krause – allerdings zumeist nur gegenüber dem armen DKP-Mann. Ansonsten ließ er in mindestens jedem zweiten Satz durchblicken, die Sachwaltung der Bezirksvertretung-Mitte voll im Griff zu haben (was ich ihm allein deshalb schon nicht glaube).

– Am sympatischten waren mir: 1) der Vertreter der Linken (Mineralwasserangebot); 2) der Verwaltungsmann, der den geschichtlichen Hintergrund zu den beiden Straßennamensgebern lieferte (unaufgeregt deutlich, obwohl seine Argumentationskette – wie ich finde: krampfhaft hingebogen und historisch eindeutig – falsch ist; er möge sie mir zuschicken; ich würde sie in den Zusammenhang online stellen 3) eine Dame mit roten Haaren aus den Reihen der CDU, die mir als einzige gastfreundlich zunickte (Danke!!!).

Meine Gedanken nachher: War über weite Strecken interessant. Längst nicht so traumatisch, wie erwartet. Das mit dem Mineralwasser für Gäste sollte man allerdings schleunigst nachbessern. Und nach dem vom Vorsitzenden elogenhaft besungenen Gleichheitsprinzip vielleicht nicht nur Cola ohne Abstriche für ihn selbst, sondern auch eine Cola light für mich. Vielleicht auch ein oder zwei Exemplare der Vorlagen für Gäste bereitlegen. Kann ja mal wirklich (siehe heute) einer vorbeikommen. – Wenn die Bezirksvertretung-Mitte diese Vorschläge eines Normalbürgers realisiert, verspreche ich – großes Bottroper-Ehrenwort: Ich bleibe beim nächsten Mal bis zum Schluss (wäre wirklich fast verdurstet; musste raus) und gebe ganz am Ende einen kleinen, aber hörbaren Applaus.

6 Gedanken zu “Only for the weak – Mein Besuch in der Bezirksvertretung-Mitte

  1. Norbert

    Naja, Astrid-Lindgren ist auch nicht die tolle Wahl. So ganz frei von – saus heutiger Sicht – rassistischer Passagen und gor´bürgerlicher Überheblichkeit sind die Texte von ihr auch nicht.

    *ne Cola Light rüberreich*

  2. Freidenker

    “gratis” soll auch hier sicher bedeuten: „nicht durch den Nutzer finanziert“!

  3. nj

    Der Herr in schwarzem Hemd, der ab und an mit einem schwarzen Filzstift etwas notierte, hat sie mit den Worten: “Guten Tag, Herr Boschmann” freundlich gegrüßt, als er im Sitzungsraum 111 Platz nahm. Sie haben den Gruß nicht erwidert . . .
    Was deb “ansonsten recht unbekannten Wilhelm W.” betrifft: Die Nazis hatten versucht, den berühmten Industriedesigner in den Tod zu schicken. “Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und musste aufgrund seiner Weigerung, der NSDAP beizutreten, an die Ostfront.” Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Wagenfeld

    Genug geschlaumeiert,

  4. mi

    Pausanias (160 n.Chr.): “Der Überbringer der schlechten Botschaft wird bestraft.” Bottrop (2012 n. Chr.): “Der Überbringer der schlechten Botschaft wird diffamiert.”

  5. Christopher

    Ich finde es gut, dass der ganze “Fall” hier dokumentiert wird. Nur leider wird das Engagement einzelner Bürger nicht ernst genommen. Oft sogar als störend oder lästig empfunden…

    Besonders bescheuert sind auch Aussagen, wie “Seit 1979 lebe ich nun schon in dieser Straße, und es hat noch nie jemanden dieser Name gestört.”
    Nur weil etwas schon lange falsch ist, wird es dadurch nicht richtiger. Wo leben wir denn, dass wir überzeugten Nazis Straßen widmen?!

    Was soll denn eigentlich auf deisem zusätzlichen Schild stehen?

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