Ich war heute auswärts. Und damit alle, die dieses hier lesen, mir vertrauen können, dass ich wirklich auswärts war, habe mich mir vor meiner Reise eine Kamera gekauft. Für 9,60 Euro. Genauso teuer wie in Langenberg zwei Portionen Chili con carne. Doch dazu später mehr.
Langenberg hat heute mit “Kerzenzauber” seinen Jahreshöhepunkt, was Tausende Neugierige in das Städtchen unweit von Velbert treibt. Ältere Bottroper wie ich wissen natürlich, dass sich in Langenberg die Zentrale Sendernetz-
Aus dieser Zeit habe ich in Langenberg einen guten Bekannten. Der saß – schon damals wohlgenährt – am Jugendherbergstisch neben mir, liegt allerdings zurzeit im Krankenhaus, weil er auf dem Langenberger Kopfsteinplaster umgeknickt ist, wobei einige Bäder gerissen sind. Eigentlich wollte wir uns zum “Kerzenzauber” treffen. Jetzt trafen wir uns im Velberter Krankenhaus. Nach dem üppigen Kaffestisch um kurz vor fünf schlief mein Bekannter ein, hatte sich aber vorher von mir hoch und heilig versprechen lassen, dass ich alleine in “seine” Stadt führe und ihm später jedes Datail der großen Sause schildern würde.
Ich kam also noch bei Tageslicht an, fand einen Parkplatz unmittelbar an der Langenberger Hauptstraße. Keine zehn Schritte weiter das Schild:
4,80 Euro für einen Teller Chili con carne. Nicht übel für eine Dorfkirmes! Trotzdem: Ich hatte Hunger. Der grauhaarige Verkäufer, er hatte mein Alter, sah aus wie ein Kirchhellener Spargelbauer, musterte mich von oben bis unten, während ich meine Bestellung aufgab. “Hab dein Nummernschild gesehen. An Bottroper verkaufen wir hier nur mit Vorkasse.” Ich war sprachlos. “Also Cash, oder hau ab!” – Was tun? Meine Heimatstadt verleugnen, sich als ostdeutscher Autoknacker auf Durchreise outen? Ich nahm die dritte Möglichkeit: “Meine Familie kommt eigentlich aus Kattowitz, wegen der Armut dort ging es nach Bottrop in den Bergbau. In unsere Familie ist Silikose ein Erbstück. Erst letztes Jahr habe ich mich so nach der alten Heimat gesehnt, dass ich …” Der Spargelbauer lächelte, tätschelte meinen Arm. Volltreffer! – Während ich mein Süppchen löffelte, erzählte er mir, dass seine Vorfahren aus Krakau stammen würden und in der Langenberger Textilindustrie Arbeit und Reichtum gefunden hatten. Ich bezahlte nach dem Genuss, gab 20 Cent Trinkgeld. So schieden wir als Freunde, und der Suppenkönig bat mich, vor meiner Rückreise doch bitte noch einmal bei ihm vorbeizuschauen.
Langenberg ist nett, aber komisch. Etwa so, als wären Kirchhellen die Bausünden der 60er und die Bottropisierung der 70er erspart geblieben. Die Langenberger sind ebenfalls nett und ebenfalls komisch. Sie sehen einander irgendwie ähnlich. Genauso wie die Kirchhellener. Jedesfalls hatte ich nach ner guten Stunde genug von Langenberg und seinen Lichtern und machte mich auf den Rückweg zu meinem Auto, obwohl es immer noch nicht ganz dunkel, folglich für den Höhepunkt des “Kerzenzaubers” zu hell war.
Vor der Imbiss-Bude war allerhand los. Trotzdem winkte mich mein Langenberger Neu-Bruder grinsend heran, drückte mir mit Gönnerlächeln und dem Spruch “Einen gratis für den armen Bottroper” einen Plastikteller gut gefüllt mit Chili con carne in die Hand und verabschiedete mich mit “Do zobaczenia!”, winkte mir auf und ab hopsend hinterher, während ich löffelnd Richtung Auto watschelte.
Kurz hinter der Ruhrbrücke erfuhr ich, dass mit der zweiten Suppenportion irgendetwas nicht stimmte. Mein Magen begann mir dies in aller Deutlichkeit zu sagen. Gut, dass es auf der Bottroper Straße viele dunkle Ecken gibt.
Warum mögen Langenberger keine Bottroper? Auch solche nicht, die – wie ich meine – sympathisch notlügen? Ich weiß es nicht. Wenn ich meinen Magen dazu befrage, knurrt der zurück, dass ich jetzt Fug und Recht hätte, Langenberger ebenfalls nicht zu mögen. Für immer!



