Gestern war ich in Rüttenscheid. Ich hatte einem Bekannten versprochen, dort eine Waschmaschine hinzukutschieren, weil er das Dingen nicht in sein Auto bekam. Eine Sackkarre hat er mir auch mitgegeben.
Die Adresse, bei der ich die Waschmaschine abgeben sollte, liegt mitten in Rüttenscheid. Natürlich fand ich in der Nähe keinen Parkplatz, fuhr in meiner Verzweiflung zur Grugahalle und parkte dort. Waschmaschine auf Sackkarre und ab … durch das packevolle Rüttenscheid.
Die Menschen, die mir entgegenkamen, sahen so ganz anders aus als wir Bottroper. Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bart, Frauen in Glitzer-Kleidern (und das an einem Dienstag), junge Mädchen, von denen die eine Hälfte aussah wie ein Model und die andere Hälfte fast wie ein Model. An jeder Hand blitzten Edelsteine; Pelze und Leder, wohin man sah – und mittendurch ich mit Waschmaschine auf Sackkarre. Da gab es böse Blicke, wütendes Knurren, unwilliges Kopfschütteln. Ein Opa mit Cowboyhut machte mir den Scheibenwischer, holte sein weißes Handy raus und schrie: “Polizia, Polizia …”
Zum Glück konnte ich just in diesem Moment in der Seitenstraße verschwinden, in der der Bekannte meines Bekannten wohnt, dem ich die Waschmaschine bringen sollte. Ich schellte, ein Mann öffnete die Tür, wir sahen uns an und wussten: Bottroper. Gemeinsam schleppten wir die Waschmaschine in den Keller, und er erzählte mir, warum es ihn nach Rüttenscheid verschlagen hatte. Es war natürlich das Geld. Er war Mädchen für alles in einem Achtfamilienhaus mit Luxuswohnungen, lebte in einem kleinen Raum neben dem Eingang. “Jedes Wochenende fahr ich auf Heimaturlaub nach Bottrop. Noch zwei Jahre in dieser Hucke, dann hab ich ausgesorgt, und dann nix wie weck hier, sonz werd ich bekloppt.”
Für den Rückweg nahmen die Sackkarre und ich die Schleichwege, die mir der Exilant beschrieben hatte. Im Auto musste dann ich einige Minuten kräftig durchatmen. Mein Puls beruhigte sich erst, als ich bei Ebel den Rhein-Herne-Kanal überquerte.

Lieber Bunge, ich schätze grundsätzlich Deine kleinen Geschichten und Anmerkungen aus dem täglichen Leben (inklusive der spitzfindigen Bemerkungen am Rande und der zynischen Kommentare), aber der “Rü-Bericht” ist doch etwas dick aufgetragen dahergekommen. Entweder hast Du einen rabenschwarzen Tag in Rüttenscheid erwischt oder Deine subjektive Wahrnehmung wurde durch diese “Reizüberflutung” stark beeinflusst. Denn: Mich selber hat es nun schon seit einigen Jahren nach Bredeney verschlagen und deshalb komme ich öfter mal durch Rüttenscheid oder bin ab und zu auch in Rüttenscheid unterwegs. Richtig ist: Die Rüttenscheider sind schon ein ganz spezielles Völkchen aber diese Anhäufung von befremdlichen Erscheinungsbildern und Auftritten ist nicht der Regelfall. Da ich selber im Umfeld der Welheimer Mark aufgewachsen bin, war mein “Kulturschock” nach Umzug in den Essener Süden sicher mehr oder weniger ähnlich wie Deiner, aber hier wollte ich nun doch für die (auch nicht immer von mir geliebten) Rüttenscheider eine Lanze brechen. Schade nur, dass Dein Kumpel es in der ganzen Zeit nicht geschafft hat auch die schönen Seiten von Rüttenscheid zu entdecken. Aber er war ja auch noch nicht mal in der Lage Dir einen anständigen Parkplatz-Tipp zu geben. Denn: Auch das Parken in Rüttenscheid ist gar nicht so schwer…
Glückauf von der Ruhr
Lieber Bunge, trotz meiner Worte immer wieder gerne kurze Anmerkungen aus dem Alltag !!! Denn: Vielleicht nehme ich die Rüttenscheider ja nach all den Jahren in Essen auch nicht mehr richtig war